Höchstrechnungszins vor dem Aus

Entgegen den ursprünglichen Erwartungen haben sich die Pläne des Bundesfinanzministeriums, den Höchstrechnungszins ab 2016 abzuschaffen, nicht durchgesetzt.

Zunächst bleibt es beim bisherigen Garantiezins in Höhe von 1,25 % für Neuabschlüsse.

Nach den bisherigen Plänen soll aber im Verlauf des Jahres 2016 diskutiert werden, ob eine Anpassung des Zinssatzes an die Marktgegebenheiten erforderlich wird.

Das könnte bedeuten, dass der Garantiezins zum 1. Januar 2017 erneut gesenkt wird.

Die Debatte um die Abschaffung des Höchstrechnungszinses ist aber nicht zu Ende.

Vielmehr soll im Verlauf der Bewertung des verabschiedeten Lebensversicherungsreformgesetzes im Jahr 2018 erneut diskutiert werden, ob und in welcher Form eine Abschaffung des Höchstrechnungszinses sinnvoll ist.

Ursprünglicher Artikel zum Höchstrechnungszins

Nach Plänen der Bundesregierung gibt es ab 2016 keinen Höchstrechnungszins mehr.

Gegenwärtig spricht manches dafür, dass der Verzicht auf den Höchstrechnungszins tatsächlich auch durchgesetzt wird.

Allerdings sieht die Aufsichtsbehörde BaFin das anders. Ihrer Auffassung nach ist nach wie vor offen, ob die Vorstellungen des Bundesfinanzministeriums Wirklichkeit werden.

Der Schritt der Bundesregierung macht wieder einmal deutlich, wie grundlegend die Finanzkrise und die damit verbundene Niedrigzinspolitik der europäischen Zentralbank das Sparprodukt Kapitallebensversicherung verändert haben.

Die Lebensversicherer gerieten unter Druck, weil sie, grob gesagt, Schwierigkeiten haben, die hohen Garantieleistungen bei Lebensversicherungen aus der Zeit vor der Finanzkrise aufzubringen.

Diese Probleme sind allerdings zu einem guten Teil selbst gemacht.

Viele Lebensversicherer investierten die Sparbeiträge ihrer Kunden in erster Linie relativ fantasielos in Rentenpapiere.

Hingegen ist der Anteil an risikoreicheren aber ertragsstärkeren Wertpapieren wie Aktien sehr gering. Die Versicherungsgesellschaften schöpften den nach dem Gesetz zulässigen Prozentsatz von 35 % bei weitem nicht aus.

Gerade Rentenpapiere leiden aber unter der Niedrigzinspolitik. Ihre Renditen tendieren im Durchschnitt unter ein Prozent.

Höchstrechnungszins: Was ist das?

Der Höchstrechnungszins ist eine durch Rechtsvorschrift festgesetzte Obergrenze für den Garantiezins.

Er sollte verhindern, dass Lebensversicherer zu hohe Garantiezinsen anbieten und dadurch in eine Schieflage geraten.

Der Höchstrechnungszins schützte einmal die Interessen der Anleger zum anderen aber auch das öffentliche Interesse an der Funktionsfähigkeit der Versicherungswirtschaft.

In der Vergangenheit wurde der Höchstrechnungszins in regelmäßigen Abständen an die Leitzinsen und damit an die Marktzinsen angepasst.

Seit der Finanzkrise wurde der Höchstrechnungszins ständig gesenkt, so dass Kapitallebensversicherungen unter Renditegesichtspunkten für sicherheitsorientierte Anleger kaum noch attraktiv erschienen.

Die Bundesregierung hat sich für die Abschaffung des Höchstrechnungszinses entschlossen, weil sie unter Sicherungsgesichtspunkten keine Notwendigkeit für eine solche Obergrenze mehr sieht.

Ab 2016 unterliegen die großen deutschen Lebensversicherer dem neuen Aufsichtssystem „Solvency II“.

Nach Solvency II müssen Lebensversicherer versprochene Garantieleistungen mit ausreichendem Eigenkapital unterlegen.

Garantiezins ebenfalls vor dem Aus?

Der Garantiezins stellt eine vom Lebensversicherer garantierte Mindestrendite dar. Er wird nicht durch Rechtsvorschrift vorgegeben, sondern zwischen den Parteien des Lebensversicherungsvertrages vereinbart.

Die einzige Verbindung zum Höchstrechnungszins war, dass der Garantiezins diesen nicht überschreiten durfte.

Die Aufhebung des Höchstrechnungszinses beeinflusst deshalb theoretisch nicht die Möglichkeit, einen Garantiezins zu vereinbaren.

Allerdings kosten Garantiezinsen den Versicherungsgesellschaften ab 2016 mehr Eigenkapital.

Dennoch ist nicht ausgeschlossen, dass einige Lebensversicherer mit leicht angehobenen Garantiezinsen werben, um sich einen Vorteil bei Kunden zu verschaffen. Die großen Versicherungsgesellschaften gehen jedoch schon seit geraumer Zeit einen anderen Weg.

Die neue Strategie der Lebensversicherer

Viele Lebensversicherer haben sich seit ungefähr einem Jahr von der klassischen Kapitallebensversicherung mit Garantieverzinsung verabschiedet.

Dazu gehören Marktführer wie die Allianz und die Ergo. Die Allianz bietet zwar noch klassische Produkte an, bewirbt sie aber nicht mehr ausdrücklich.

Die neue Strategie der Lebensversicherer lautet: keine garantierten Renditen mehr, stattdessen höhere Gewinnchancen bei höherem Renditerisiko durch Investitionen in kapitalnahe Produkte.

Neue Kapitallebensversicherungen ähneln insoweit den bereits seit längerem vertriebenen fondsgebundenen Kapitallebensversicherungen. Garantiert wird nur noch die Summe der eingesetzten Sparbeiträge, weil eine solche Garantie gesetzlich vorgeschrieben ist.

Beispielsweise bietet die Provinzial Nordwest ein Produkt an, welches sie Klassikrente nennt. Es wendet sich an sicherheitsorientierte Anleger.

In den überwiegenden Fällen liegen die garantierten Leistungen oberhalb des reinen Erhalts der Sparbeiträge.

Ein besonderer Sicherungsfonds soll für steigende Renditen und Garantieleistungen sorgen.

Die Strategie dieses Fonds ist, während der Laufzeit der Verträge Kapital von chancenorientierten Geldanlagen in sicherheitsorientierte Geldanlagen zu überführen.

Ein weiteres Beispiel ist das Produkt der Generali. Garantiert werden der Beitragserhalt und eine Mindestrente.

Der Versicherte hat bei Ende der Laufzeit die Möglichkeit zwischen einer monatlichen Rente mit oder ohne Teilkapitalauszahlung und der Auszahlung der gesamten Ablaufleistung zu wählen.

Generali bewirbt das Produkt unter dem Namen „Rente Zukunft“. Nach Werbeaussagen soll es Kunden bessere Renditen bringen als klassische Kapitallebensversicherungen.

In der Ansparphase soll die Möglichkeit höherer Zinszahlungen bestehen, die schließlich zu höheren Schlussüberschussanteilen führen. In der Rentenphase soll die Garantieverzinsung höher ausfallen und für eine höhere Gesamtrendite sorgen.

Durchstarten mit dem neuen Lebensversicherungstyp?

Für die Versicherungswirtschaft scheint sich die Umstellung von der klassischen Lebensversicherung auf die neuen Produkte zu lohnen. Anleger setzen weiter auf Kapitallebensversicherungen, obwohl Garantierenditen praktisch entfallen.

Im Jahr 2014 sollen 373.806 Kapitallebensversicherungen neu abgeschlossen worden sein. Diese Zahl wurde zuletzt im Jahr 2006 erreicht.

Lohnen sich die neuen Kapitallebensversicherungen auch für Anleger? Viele Experten bezweifeln dies, so auch der Bund der Versicherten.

Gibt es keine Garantieleistungen mehr, entfällt eigentlich auch die Rechtfertigung für die mit der Lebensversicherung verbundenen Kosten, die die Rendite erheblich mindern können.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass die neuen Produkte oft kompliziert aufgebaut und für private Anleger sehr unübersichtlich sind.

Anlegern wird es in Zukunft immer schwerer fallen, Produkte zu finden, die einerseits kostengünstig sind und andererseits das Kapitalanlagerisiko nicht vollständig auf die Versicherten überwälzen.

Tragen die Versicherten weitgehend das Anlagerisiko selbst, können sie auch direkt in Finanzprodukte investieren.

Warum nicht selbst beispielsweise Indexfonds kaufen und das Kapital entsprechend dem eigenen Risikoprofil auf unterschiedliche Anlageklassen aufteilen?

Bestehende Lebensversicherungen

Bestehende Lebensversicherungen sind vom Ende des Höchstrechnungszinses in keiner Weise betroffen. Die Versicherer müssen die Garantiezinsen weiter erbringen.

Immer wieder wird diskutiert, ob bestehende Lebensversicherungen gekündigt, verkauft oder beitragsfrei gestellt werden sollen, um das Geld in andere Anlagen zu stecken, die höhere Renditen erbringen.

Kündigen und Verkaufen bestehender Lebensversicherungen sind nur in Ausnahmefällen empfehlenswert.

Abgesehen von Kapitalverlusten ist es jedenfalls gegenwärtig kaum möglich, eine höhere Rendite bei gleichem Risiko zu erzielen.

Das gilt besonders, wenn es sich um ältere Verträge handelt, in denen noch ein hoher Garantiezins vereinbart wurde.

  • Updated 21. Dezember 2017