Lebensversicherungsreform: wer verliert?

Die Bundesregierung hat den lang erwarteten Gesetzentwurf zur Rettung der Kapitallebensversicherer verabschiedet.

Es ist davon auszugehen, dass der Entwurf das Gesetzgebungsverfahren ohne wesentliche Änderungen noch vor der Sommerpause passieren wird.

Der Titel des Gesetzentwurfs umschreibt die Intention des Gesetzes. Er lautet in etwa: „Entwurf eines Gesetzes zur Absicherung stabiler und fairer Leistungen für Lebensversicherte“.

Dieses Ziel soll durch eine Stabilisierung der Kapitallebensversicherungen und der sie ausgebenden Versicherungsgesellschaften erreicht werden.

Leider bedeutet das in erster Linie spürbare Leistungseinschnitte für die Anleger.

Offenbar hat die Bundesregierung keinen anderen Weg gesehen, die mit den Schwierigkeiten der Niedrigzinspolitik kämpfende Versicherungswirtschaft zu stabilisieren.

Auf Geld müssen vor allen diejenigen Versicherungskunden verzichten, deren Lebensversicherung in den nächsten Jahren fällig wird.

Nach einer Schätzung des Justizstaatssekretärs Gerd Billen können die Einbußen bis zu 5 % betragen.

Neukunden müssen ab 2015 Einschnitte bei den Garantieleistungen hinnehmen. Sie haben aber den Vorteil, sich auf die neue Situation und die sich ändernden Ertragschancen einstellen zu können.

So wie es aussieht, gelten die Regelungen auch nicht auf ewig, sondern nur so lange bis die Anbieter von Kapitallebensversicherungen wieder Tritt gefasst haben.

 

Die wichtigsten Änderungen

 

Das Reformpaket umfasst eine Absenkung des Garantiezinses, eine Neuregelung der Beteiligung an Bewertungsreserven, und in gewissen Situationen Dividendeneinschränkungen für die Aktionäre der Versicherungsgesellschaften.

Auf der anderen Seite sollen die Kosten bei den Kapitallebensversicherungen transparent gemacht und gesenkt werden. Darüber hinaus sieht der Gesetzentwurf eine höhere Beteiligung der Anleger an den Risikogewinnen vor.

Die Versicherungsbranche steht diesen Reformvorstellungen kritisch gegenüber. Sie glaubt nicht, alle Änderungen bis zum geplanten Inkrafttreten am 1. Januar 2015 umsetzen zu können.

Senkung des Garantiezinses

Die Garantieverzinsung soll von 1,75 % auf 1,2 % sinken. Die Verschlechterung der Garantieleistungen gilt nur für Neuverträge. Sie soll zum 1. Januar 2015 in Kraft treten.

Interessanterweise scheint sich die Versicherungswirtschaft gegen diesen Termin wehren zu wollen und schlägt stattdessen den 1. Januar 2016 vor.

Andererseits aber bieten einige Marktführer seit neuestem Versicherungsprodukte an, die kaum noch Garantieleistungen vorsehen.

Beteiligung an Bewertungsreserven fällt teilweise weg

Die neue Regelung versucht, die Bewertungsreserven unter Berücksichtigung verschlechternder Rahmenbedingungen gerechter zwischen Altkunden und Neukunden zu verteilen.

Bisher waren die Anleger an allen Bewertungsreserven mit 50 % beteiligt. Diese Beteiligung bleibt bestehen, soweit die stillen Reserven von Aktien und Immobilien erwirtschaftet werden.

Bei festverzinslichen Wertpapieren gibt es jedoch eine einschneidende Änderung. Hier entfällt die Beteiligung an Buchgewinnen, aber nur insoweit, als die Ausschüttung die Erfüllung der Garantieleistungen gegenüber den Kunden gefährden würde.

Nach Auffassung von Fachleuten wird diese Regelung dazu führen, dass für Versicherungsverträge, die in den nächsten Jahren auslaufen, eine Beteiligung an den stillen Reserven aus festverzinslichen Wertpapieren entfallen wird.

Ohne eine solche Regelung müssten Versicherungsgesellschaften ihre vor Jahren erworbenen, hoch verzinsten Anleihen verscherbeln, um den Anspruch der Kunden, deren Verträge in den nächsten Jahren auslaufen, auf Beteiligung an den Bewertungsreserven erfüllen zu können.

Die Folge wäre eine Schlechterstellung aller anderen Kunden, die an den mit den Anleihen erwirtschafteten Gewinnen nicht mehr partizipieren könnten.

Wegen der niedrigen Zinsen können Lebensversicherer gegenwärtig keine Papiere mit vergleichbar guter Rendite erwerben.

Deshalb hält die Bundesregierung die im Gesetzentwurf enthaltene Kappung der Bewertungsreserven bei festverzinslichen Wertpapieren im Interesse aller Kunden für sachgerecht.

Höhere Beteiligung an Risikogewinnen

Risikogewinne entstehen, wenn die Summe der Risikoprämien den Gesamtbetrag aller Versicherungsleistungen zuzüglich aller Schadenregulierungskosten aus allen Lebensversicherungsverträgen im Bestand übersteigt.

Bei der Risikoprämie handelt es sich um den Beitragsteil, der die Kosten für die Deckung des versicherten Risikos abdeckt.

Bisweilen neigen Versicherungsgesellschaften dazu, die Risikoprämien höher als eigentlich erforderlich zu kalkulieren. In solchen Fällen ist auch der Risikogewinn hoch.

Der Mindestbeteiligungssatz an den Risikogewinnen soll von 75 % auf 90 % steigen.

Dividendenverzicht

Vorgesehen ist eine Ausschüttungssperre für Dividenden. Danach erhalten Aktionäre keine Dividende mehr, wenn die Leistungsfähigkeit des betreffenden Versicherers andernfalls gefährdet wäre.

Diese Regelung klingt verbraucherfreundlich, kann aber durchaus zu Problemen führen. Ausschüttungssperren für Dividenden erhöhen nicht gerade die Bereitschaft, in ein Unternehmen zu investieren.

Eine Flucht von Investoren aus dem Lebensversicherungssektor könnte dessen Finanzierung erschweren.

Mehr Transparenz bei den Kosten

Lebensversicherungsgesellschaften sollen nach dem Gesetzentwurf vor allem die Abschlusskosten für Neuverträge senken.

Die Kosten dürfen künftig nur zu einem geringeren Teil an die Versicherten weitergeleitet werden.

Darüber hinaus soll die Transparenz erhöht werden. Abschlussprovisionen müssen gegenüber Kunden ausgewiesen und dokumentiert werden.

 

Wer gewinnt und wer hat das Nachsehen?

 

Eindeutige Verlierer sind alle Versicherungsnehmer, deren Police ab 2015 in den darauf folgenden Jahren ausläuft.

Sie haben durchgehalten und über viele Jahre Sparbeiträge erbracht. Ohne die Reform hätten sie von ungewöhnlich hohen Bewertungsreserven aus hoch verzinsten Anleihen profitieren können.

Je nach Versicherungssumme können die Einbußen nach Auffassung von Experten einige tausend Euro betragen.

Das ist umso ärgerlicher, als manch ein Versicherungsnehmer fest mit einer bestimmten Ablaufleistung gerechnet hat und jetzt mit weniger Ertrag vorlieb nehmen muss.

Zu den Gewinnern zählen alle diejenigen, die bereits einen Vertrag über eine Kapitallebensversicherung abgeschlossen haben, dieser Vertrag aber erst in vielen Jahren ausläuft.

Auch wer erst 2015 einen neuen Vertrag abschließt, kann trotz sinkender Garantiezinsen zu den Gewinnern der Reform gerechnet werden.

 

Kapitallebensversicherung vorzeitig auflösen?

 

In der Regel rechnet sich eine vorzeitige Auflösung nicht. Wer die Beiträge anderweitig investieren möchte, ist mit einem Verkauf besser noch mit dem Stilllegen der Kapitallebensversicherung grundsätzlich besser gestellt.

Anders kann sich die Situation für Anleger darstellen, deren Kapitallebensversicherung nach 2015 in nicht allzu langer Zeit abläuft.

Bei alten Verträgen sind die Rückkaufswerte etwas erträglicher als bei Neuverträgen.

Bei einer Kündigung noch in 2014 profitiert der Versicherungsnehmer bei der Berechnung des Rückkaufswerts noch von den alten Regeln über die Ausschüttung von Bewertungsreserven.

Welche Lösung die günstigere ist, den Vertrag zu Ende zu führen oder die Kapitallebensversicherung zu kündigen, kann nur im Einzelfall nachgerechnet und entschieden werden.

Bei Verträgen über hohe Summen empfiehlt sich die Einschaltung eines unabhängigen Versicherungsberaters.

  • Updated 22. Dezember 2017