Kapitallebensversicherung: Wie hilfreich sind Kennzahlen?

Kürzlich gab es eine auf den ersten Blick gute Nachricht für Kapitallebensversicherer und deren Kunden.

Nach einer Erhebung, veröffentlicht im MAP Report, betrug die durchschnittliche Nettorendite deutscher Lebensversicherer im Jahr 2014 ca. 4,6 %.

Die Kunden konnten immerhin noch durchschnittlich 3,61 % als sogenannte bereinigte Nettorendite einstreichen.

Im Gegensatz dazu sieht die durchschnittliche Rendite deutscher Sparer geradezu kümmerlich aus. Laut Bundesbank belief sie sich nur auf 1,5 %.

Ist die kapitalbildende Lebensversicherung also trotz der Folgen der Finanzkrise noch immer überproportional ertragsstark?

Und wie gesund sind die Versicherungsgesellschaften, die Kapitallebensversicherung anbieten?

Jedenfalls stehen die Lebensversicherer immer noch unter dem Dauerfeuer vieler Experten.

Die zweifeln bisweilen die Kapitalkraft einzelner Versicherungsgesellschaften an, beklagen sich über Minirenditen und kritisieren, oft zu Recht, die einfallslose Anlagestrategie einiger Anbieter.

Auch die Bundesregierung macht sich Sorgen um den Bestand der Kapitallebensversicherung in Deutschland.

Vor noch nicht allzu langer Zeit beschloss sie ein Rettungspaket zur Stabilisierung der Branche und plant die Verabschiedung vom Garantiezins, den viele Lebensversicherer schon von sich aus als überholt ad acta legen möchten.

Verbraucher sind verunsichert, aber dennoch scheint ihr Hang zu ihrem Lieblingssparprodukt Kapitallebensversicherung ungebrochen.

Vielleicht ist aber die Bereitschaft gestiegen, vollmundig klingende Angebote von Versicherungsmaklern kritisch zu hinterfragen.

Die gebräuchlichsten Kennzahlen

Kennzahlen können beim Abschätzen der zukünftigen Renditemöglichkeiten und der Solidität des Versicherers Hilfestellung leisten.

Sie werden von den Lebensversicherern auf ihren Internetseiten veröffentlicht oder Kunden können sie erfragen.

Keine Kennzahl ist in ihrem Aussagewert unproblematisch. Zudem bezieht sie sich immer auf die Vergangenheit; die Zukunft kann völlig anders aussehen.

Aber eine andere Möglichkeit, objektive Daten über die Qualität des Finanzprodukts zu erhalten, steht leider nicht zur Verfügung.

Die Einschätzungsgenauigkeit lässt sich erhöhen, wenn mehrere Versicherungsgesellschaften über jeweils mehrere Jahre verglichen werden.

Halten sich die Produkte einer Versicherungsgesellschaft fünf Jahre lang in der Spitzengruppe, ist das ein gutes Omen auch für die Zukunft.

Eine gute Zusammenstellung verschiedener Kennzahlen findet man auf der Seite von Finanztest.

Nettoverzinsung und Nettorendite

Nettoverzinsung ist die Rendite, die der Versicherer mit Kundengeldern im jeweiligen Geschäftsjahr erzielt hat. Zur Berechnung wird das Ergebnis aus allen Kapitalanlagen durch den durchschnittlichen Kapitalanlagebestand dividiert.

Grundsätzlich gilt: je höher die Nettorendite, desto besser. Kunden von Lebensversicherungsgesellschaften mit hoher Nettorendite können theoretisch davon ausgehen, dass sie von guten Erträgen profitieren.

Allerdings wird nicht die gesamte Nettoverzinsung an die Kunden ausgeschüttet.

Dies geschieht lediglich mit den Erträgen, die die sogenannte bereinigte Nettorendite ausmachen. Diese Kennzahl errechnet sich aus der Nettorendite abzüglich der gesetzlich vorgeschriebenen Zinszusatzreserve.

Die Kennzahl „Nettorendite“ kann in gewisser Weise manipuliert werden. So kann die Auflösung stiller Reserven über ein schlechtes Kapitalanlageergebnis und damit über eine erfolglose Anlagestrategie hinwegtäuschen (vergleiche unten unter Durchschnittsverzinsung).

Auch bei der Bewertung von Geldanlagen in Aktien können „Korrekturen“ an sich zulässige Abschreibungsverzögerungen vorgenommen worden sein.

Dennoch ist die Nettoverzinsung eine relativ zuverlässige Kennzahl dafür, ob die Versicherungsgesellschaft eine erfolgreiche Anlagestrategie verfolgt. Allerdings gilt dies nur, wenn gleichzeitig die laufende Durchschnittsverzinsung berücksichtigt wird.

Informationen zur individuellen Rendite, die Kunden einer Kapitallebensversicherung erwirtschaften können, sowie zum Unterschied zwischen Beitragsrendite und Anlagerendite sind in einem gesonderten Beitrag zusammengestellt.

Durchschnittsverzinsung

Die Nettoverzinsung berücksichtigt außerordentliche Erträge beispielsweise aus Kursgewinnen beim Verkauf von Wertpapieren.

Darüber hinaus fließen außerordentliche Aufwendungen in die Kennzahl ein, beispielsweise durch Verluste bei der Veräußerung von Kapitalanlagen und durch Zu- und Abschreibungen.

Die Durchschnittsverzinsung hingegen berücksichtigt lediglich die regelmäßigen Erträge und Aufwendungen und lässt Sonderereignisse außer Betracht.

Das ist für eine echte Beurteilung des Anlageerfolgs von großer Bedeutung. Denn einmalige Maßnahmen zur Ertragssteigerung lassen sich nicht beliebig in jedem Jahr wiederholen. Ein Beispiel:

Gegenwärtig, während der anhaltenden Niedrigzinsphase, sind alte Rentenpapiere, die eine hohe Verzinsung vorsehen, sehr viel Wert.

Mit ihnen lassen sich bei Veräußerung hohe Kursgewinne realisieren, bei denen es sich um außerordentliche Erträge handelt.

Werden hochverzinsliche Rentenpapiere verkauft, versilbern Versicherungsgesellschaften aber ihr Tafelsilber.

Der hohe außerordentliche Ertrag führt zu einer beeindruckenden Nettoverzinsung in einem Jahr, wirkt sich aber negativ auf die Ertragssituation in den Folgejahren aus.

Wegen der geringen gegenwärtigen Verzinsung gleichwertiger Papiere, können die Versicherungsgesellschaften diesem Trend durch den Erwerb neuer Renten nicht wirklich entgegenwirken.

Die Struktur der Kapitalanlage

Die Rendite ist das eine, mit welcher Kapitalanlage sie in einem bestimmten Geschäftsjahr erzielt wurde, ist das andere.

Nicht alle Versicherungsgesellschaften geben umfassende Auskunft über die Kapitalanlagestruktur.

In den Geschäftsberichten findet man bisweilen Angaben darüber, in welche Produkte die Lebensversicherer das Geld ihrer Kunden investieren.

Häufig bedeutet eine außergewöhnlich hohe Nettorendite, dass in Finanzprodukte mit relativ hohem Risiko investiert wurde.

Dabei handelt es sich keineswegs um Aktien. Die Aktienquote bei Kapitallebensversicherungen in Deutschland ist erschreckend gering.

Vielmehr wird in Renten investiert von Staaten mit erheblichen Finanzproblemen: Griechenland, Spanien, Portugal oder Italien.

Kapitallebensversicherungen sind langfristige Verträge.

Anleger haben ein Recht darauf zu erfahren, in welche Anlageprodukte ihre Sparbeiträge investiert werden.

Ergibt sich dies nicht aus den Geschäftsberichten, sollten Anleger nachfragen. Fällt die Auskunft unbefriedigend aus, ist die entsprechende Versicherung nicht der richtige Partner.

Abschlusskostenquote

Diese Kennzahl gibt den Quotienten aus allen Aufwendungen, die mit dem Vertragsschluss zusammenhängen, und den Bruttobeiträgen, allerdings nur in einem Geschäftsjahr, an (Abschlusskosten im Verhältnis zum Neugeschäft).

Abschlussquote ist nicht dasselbe wie der prozentuale Anteil der Vermittlungsprovisionen an der Beitragssumme.

Es ist kein Geheimnis, dass die Abschlusskosten die für die Erwirtschaftung von Renditen herangezogenen Sparbeiträge erheblich reduzieren.

Die Kennzahl „Abschlusskostenquote“ ist aber nicht in allen Fällen geeignet, diesen Effekt richtig zu beschreiben.

Immer ist darüber hinaus die Entwicklung des Kundenbestandes heranzuziehen, und es kommt auch auf die Ursache einer über dem Durchschnitt liegenden Abschlusskostenquote an.

Schlecht ist immer, wenn die Abschlussquote allein wegen der Vermittlungsprovision höher als der Durchschnitt ist.

Hohe Abschlussquoten sind aber nicht negativ, wenn in einem Jahr besonders viele neue Verträge geschlossen wurden oder wenn bei Neuabschlüssen eine besonders strenge, aufwändige Risikoprüfung stattfand.

Überdurchschnittlich viele Vertragsabschlüsse mit Einmalbeiträgen können diese Kennzahl ebenso verfälschen, wie ein hoher Anteil von Gruppenverträgen, durch die die Abschlusskostenquote regelmäßig geringer ausfällt.

Versicherer, die viele kurzlaufende Verträge abschließen, verfügen grundsätzlich über eine niedrigere Abschlusskostenquote, als Unternehmen mit langlaufenden Kapitallebensversicherungen.

Der allgemeine Aussagewert der Abschlusskostenquote ist mithin stark eingeschränkt.

Verwaltungskostenquote

Diese Kennzahl setzt die Verwaltungskosten in ein Verhältnis zu den Bruttobeiträgen pro Jahr. Verwaltungskosten sind alle Aufwendungen, die für die laufende Verwaltung der Beiträge aufgewendet werden müssen.

Nicht dazu sollten Abschlusskosten und Kapitalanlagekosten gehören.

Die Verwaltungskostenquote ist ein relativ zuverlässiger Indikator dafür, wie kostengünstig die Versicherungsgesellschaft ihre Dienstleistungen erbringt.

Allerdings ist auch hier die Frage, welches Geschäftsverhalten hinter dieser Kennzahl steckt.

Miserabler Service kann beispielsweise zu einer ausgesprochen guten Verwaltungskostenquote führen.

Umgekehrt kann besonders guter Service oder das Bestehen vieler Verträge über kleine Versicherungssummen die Verwaltungskostenquote gegenüber dem Markt überdurchschnittlich erscheinen lassen.

RfB-Quote

RfB ist die Abkürzung für Rückstellungen für die erfolgsabhängige Beitragsrückerstattung. Die Quote wird aus dem Verhältnis von RfB zu den Bruttobeiträgen ermittelt.

Die Rückstellungen bestehen aus zurzeit nicht auszuschüttenden Anteilen an dem Gesamtüberschuss, die später jedoch den Versicherten in Form von Überschussbeteiligungen zugutekommen müssen.

Es handelt sich also um geparkte Gewinnanteile, die eigentlich der Versichertengemeinschaft gehören.

Ohne Kenntnis über die Geschäftspolitik des Versicherungsunternehmens kann diese Kennzahl zu gravierenden Fehlinterpretationen führen.

Unternehmen, die sich kundenfreundlich verhalten und Überschüsse laufend zeitnah auszahlen, haben eine niedrigere RfB Quote als solche Versicherer, die die Gewinne ihrer Versicherungsnehmer horten.

Frühstornoquote und Spätstornoquote

Diese Kennzahl wird aus dem Quotienten der Versicherungssumme früh stornierter Lebensversicherungsverträge und der Versicherungssumme des jährlichen Neugeschäfts gebildet.

Eine frühe Stornierung liegt vor, wenn Verträge gekündigt werden, bevor sie einen Rückkaufswert gebildet haben. In solchen Fällen verlieren die Versicherten alle Ansprüche.

Die Spätstornoquote hingegen umfasst Verträge, die gekündigt wurden oder die beitragsfrei gestellt wurden, nachdem sie einen Rückkaufswert erwirtschaftet hatten.

Hohe Quoten können in beiden Fällen auf schlechte Beratungsleistungen hindeuten. Unterschiedliche Quoten können jedoch ebenfalls durch eine unterschiedliche Kundenstruktur verursacht worden sein.

Kennzahlen haben einen geringen Aussagewert, wenn es um die Qualität einer bestimmten Lebensversicherung geht.

Eigenkapitalquote

Während mit den zuvor dargestellten Kennzahlen der Versuch unternommen werden kann, zukünftige Erträge aus einem Kapitallebensversicherungsvertrag abzuschätzen, geht es bei der Eigenkapitalquote darum, wie gesund und wirtschaftsstark das Versicherungsunternehmen selbst ist.

Grundsätzlich gilt: Je höher die Eigenkapitalquote, desto stärker ist das Versicherungsunternehmen, und desto sicherer ist das Geld der Kunden.

Aber auch die Eigenkapitalquote für sich gesehen ist kein eindeutiges Kennzeichen für Solidität. Vielmehr kommt es darauf an, wie die Quote zustande kommt.

Die Quote kann Ausdruck einer hohen Ertragskraft sein. Sie kann aber ebenso Ausdruck einer geringen Überschussbeteiligung für die Kunden sein.

Eine im Verhältnis zu Konkurrenten niedrige Eigenkapitalquote muss zudem nicht unbedingt ein schlechtes Zeichen sein.

So kann die Struktur des Vertragsportfolios ein unterdurchschnittliches Risikoprofil aufweisen, so dass eine geringe Eigenkapitalquote ausreicht. Schließlich können Risiken darüber hinaus auf Rückversicherer ausgelagert worden sein.

  • Updated 22. Dezember 2017